Sterbebegleitung statt Sterbehilfe

Gesellschaftlicher Wertekonsens durch Gesetzesänderung in Frage gestellt

Stellungnahme des Forums der christilichen Kirchen in OÖ
Die christlichen Kirchen in OÖ warnen vor möglichen Folgen einer Gesetzesänderung bezüglich der Beihilfe zum Suizid.

1. Immer wieder stehen Menschen angesichts ihres Sterbens vor bedrängenden Ängsten. Das können Ängste vor qualvollen Schmerzen sein, vor schwindender Eigenständigkeit, dem Verlust der Selbstbestimmung oder auch die Angst davor, sich jemandem in einem beeinträchtigten Zustand zuzumuten.

Dass Menschen in Situationen großen Leides, in denen sie keinen Ausweg mehr erkennen können und in denen keine Besserung möglich erscheint, - dass Menschen in solchen Situationen dieses Leben nicht mehr weiterleben und es deshalb beenden wollen,  ist nachvollziehbar und muss in allen Überlegungen zur Thematik präsent bleiben und ernst genommen werden.

Was im Einzelfall eine Gewissensentscheidung ist, die respektiert werden kann, verändert jedoch den Charakter, wenn die Beihilfe zum Suizid zu einem verbrieften Recht wird und Anbieter diese Option bewerben.

2. Von den Befürwortern der Beihilfe zum Suizid, bzw. der aktiven Sterbehilfe wird betont, dass es ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben gebe, das das Recht auf Suizid einschließe. Dieser Anspruch wurzelt tief in der Vorstellung, dass die Selbstbestimmung und Autonomie des individuellen Menschen ein überaus hohes Gut sei aus dem sich in der Folge auch das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ableiten lasse.

Demgegenüber weisen wir darauf hin, dass der Mensch als ein grundsätzlich abhängiger und auf andere angewiesener ins Leben tritt. Die Selbstbestimmtheit eines Menschen ist auch in seinem Erwachsenenleben eine relative, denn er steht in vielfältigen Beziehungen familiärer, beruflicher, sozialer und gesellschaftlicher Art. Er übernimmt Verantwortung für andere und er ist anderen verantwortlich. Die meisten Entscheidungen die wir treffen haben Auswirkungen auf andere. Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben kann deshalb keineswegs ohne Einbeziehung der familiären, sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen diskutiert werden.

Es ist zu bedenken, dass die Setzung von Recht die Ausfor-mung der Gewissen der Individuen einer Gesellschaft beeinflusst, und so für die Werteökologie einer Gesellschaft in hohem Maße Mitverantwortung trägt.

Dass andere Länder diesen Weg (der Legitimierung der Beihilfe zum Suizid, bzw. der aktiven Sterbehilfe) gegangen sind, ist keine Begründung dafür, ihn ebenfalls zu gehen. Die nüchterne Beobachtung der Auswirkungen eines Rechts auf Beihilfe zum Suizid zeigt, dass die Tendenz besteht, die Gründe, die für eine aktive Beendigung des Lebens akzeptiert werden, immer weiter zu fassen.

3. Eine dieser Auswirkungen betrifft die Aushöhlung funda-mentaler gesellschaftlicher und moralischer Werte. Wenn beeinträchtigtes und belastetes Leben zunehmend als nicht mehr der menschlichen Würde entsprechend angesehen und als nicht mehr lebenswert qualifiziert wird, entsteht aus den zunächst individuellen Entscheidungen ein gesamtgesellschaftlicher Druck auf die bedingungslose Würde jedes Lebens.

Was sollen beeinträchtigte und in hohem Maße auf die Hilfe anderer angewiesene Menschen davon halten, dass ein solches Leben (mit gesellschaftlicher Billigung) zunehmend als nicht mehr lebenswert betrachtet und auch so (ab-)qualifiziert wird? Kann es überhaupt vermieden werden, dass ein solches individuelles Werturteil sich kollektiv in der Gesellschaft einnistet und der Wunsch (auch unter leidvollen und für andere belastenden Umständen) zu leben, unter Druck gesetzt wird, sich dafür zu rechtfertigen?

Die Straffreiheit bei Beihilfe zum Suizid führt nicht unbedingt zu Autonomie und Freiheit von Betroffenen, sondern kann auch für Leidende und Sterbende zu einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck oder zu einer rein ökonomischen Sicht auf Pflege und Palliativmedizin führen.

4. Anstatt die Beihilfe zum Suizid als eine normale Möglichkeit mit dem Sterben umzugehen zu etablieren, setzen wir uns dafür ein, Menschen in der Situation unerträglichen Leidens beizustehen, sie zu begleiten und zu betreuen, uns um ihren Leib und um ihre Seele zu sorgen, ihrem Leid nicht auszuweichen, sondern uns ihm zu stellen und im Sinne eines „Mit-Leidens“ daran Anteil zu nehmen.

Auch wo ein Mensch mit seinem Leben abgeschlossen hat, hört die Verpflichtung von Kirche und Gesellschaft nicht auf, der sterbenden Person kontinuierliche Pflege, Schmerzlinderung, menschliche Gesellschaft, Unterstützung und geistlichen Beistand zu geben.

Linz, am 1. September 2020

Altkatholische Kirche
Evangelische Kirche A.B.
Evangelisch-Methodistische Kirche 
Römisch-Katholische Kirche, Diözese Linz
Rumänisch-Orthodoxe Kirche

Presseunterlage mit der Stellungnahme der VertreterInnen der christlichen Kirchen in OÖ, den Statements der Podiumsmitglieder und Informationen zum Forum der christlichen Kirchen in OÖ
Stellungnahme des Dachverbandes Hospiz Österreich und Österreichische PalliativGesellschaft
Nachbericht zur Pressekonferenz am 10. September 2020
 

Gruss des Superintendenten

Gott ist und bleibt unsere Zuflucht von ihm empfangen wir Zuversicht

Was ich gerne sagen möchte:

In aller Unsicherheit für uns und unsere Lieben,
für unser Land und alle betroffenen Länder
ist Gott und bleibt Gott unsere Zuflucht
und gibt uns Zuversicht.

In allem Leid, mit dem wir konfrontiert sind,
lassen wir einander nicht allein,
stehen wir für einander ein,
beten wir für die Menschen.

In aller Überforderung und Ohnmacht,
in aller Sorge um Arbeit, Gehalt und Zukunft
tragen wir unsere Sorgen zu dem,
der für uns sorgt.

In aller geschenkten Zeit,
schlagen wir sie nicht tot, und vertreiben sie nicht,
sondern halten Einkehr,
lassen Fragen zu,
suchen nicht das Geschwätz, sondern das Gespräch.

In allem verlieren wir nicht den Blick
auf die Schönheit des Frühlings
nehmen wir wahr, was ist,
hören das Singen der Vögel
den Klang der Glocken,
das Antlitz der Menschen,
verlieren wir nicht die Dankbarkeit.

In herzlicher Verbundenheit
Ihr/Euer
Gerold Lehner, Superintendent